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Eine Odyssee ohne Ende: Empty7s ITHAQUE (2025)

von Moritz Schertl

Homers Odyssee gehört zu den Werken der Weltliteratur, die bis heute in Literatur, Film und Musik reinterpretiert werden, etwa in Filmadaptionen wie Christopher Nolans Odyssey (Juli 2026). Das fragmentarische Epos über die Irrungen und Wirrungen des Odysseus wirkt konstant als genreübergreifende Inspirationsquelle.

Auch im französischsprachigen Rap ist die Odyssee vor Kurzem neu interpretiert worden: Der Genfer Rapper und Produzent Empty7 (Aussprache: „empty set“) hat mit seinem ersten Studioalbum Ithaque (November 2025) seine persönliche Odyssee vorgelegt. Auf dem Album erhält die Hörerschaft fragmentarische und achronologische Einblicke in das Seelenleben des Künstlers. Schon der Albumtitel verweist auf das Epos, ist die Insel Ithaka doch die Heimat des antiken Helden, zu der er, zwanzig Jahre nach dem Ausbruch des Trojanischen Kriegs,zurückkehrt. Hier stellt sich die Frage, wie Empty7 die Insel Ithaka als künstlerischen Referenzpunkt verwendet: Ist die Musik selbst als metaphorischer Sehnsuchtsort zu verstehen oder ist ‚Ithaque‘ vielmehr der Verweis auf einen konkreten Ort?  Eindeutig ist in jedem Fall, dass Empty7 mit der Wahl des Albumtitels sowohl die Suche nach dem (künstlerischen und persönlichen) Selbst als auch Verlust und Einsamkeit verhandelt. Auf formaler Ebene werden diese Themen durch die Vermischung von Pop-Einflüssen mit Anleihen aus einem klassischen musikalischen und literarischen Kanon unterstrichen.

Empty7 und die Genfer Rap-Szene

Empty7 gehört der Genfer Rapszene an, der in den letzten Jahren sowohl seitens der Kritik als auch des Rap-Publikums eine erhöhte Aufmerksamkeit zugesprochen wurde. Projekte der Künstler*innen Makala, Danitsa und Rounhaa haben die französischsprachige Rap-Landschaft entscheidend mitgeprägt. Empty7 ragt insofern aus dieser diversen Szene heraus, als er verschiedene Einflüsse – von klassischer Musik (Beethoven, Bach) über Filmmusik (H. Zimmer) bis hin zu zeitgenössischem Cloud-Rap (PNL) – in seiner Kunst vereint: Dies zeigt sich, wenn zum Beispiel melancholische Klaviermusik („Les rats“) neben elektronischen Sounds („Devant“) und Reggaeton („Bel-Air en 2013“) steht.

Ein weiterer, entscheidender Bestandteil der Ästhetik Empty7s ist das ausschließlich maskierte Auftreten in der Öffentlichkeit. Die Gründe dafür sind verschieden gelagert, wobei zwei davon als besonders relevant für Ithaque erscheinen. Einer ist besonders im Hinblick auf die Neuschreibung der Odyssee interessant: „J’aime le fait qu’Empty puisse être n’importe qui et je veux qu’on m’écoute, pas qu’on me regarde.“[1]

Der Fakt, dass die Kunstfigur Empty7 niemand und jede/r zugleich sein kann, erinnert an den 9. Gesang in Homers Odyssee, in dem Odysseus sich und seine Gefährten davor retten kann, vom Zyklopen Polyphemes verspeist zu werden. Als ihn dieser nach seinem Namen fragt, antwortet Odysseus: „[…] Niemand nennen mich alle / Meine Mutter, mein Vater, und alle meine Gesellen.“[2] Durch die List, sich als ‚Niemand‘ auszugeben, entkommt Odysseus mit seinen Männern. Ähnlich dem Helden Odysseus erscheint Empty7 durch seine Maske als Namenloser, die Person verschwindet hinter der Kunstfigur und kann dadurch ungefiltert ihre Odyssee erzählen. Gleichzeitig ermöglicht die Maskierung Freiheiten auf der musikalischen Ebene: Empty7 kann verschiedene Musikstile ausloten und miteinander kombinieren, ohne auf ein Genre festgelegt zu werden.

Auch konzeptionell ist die Odyssee im Album Ithaque verankert. So repräsentieren laut Empty7 die 11 Tracks auf dem Album die im Epos bereisten Inseln.[3] Jede dieser ‚Inseln‘ zeigt die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse des Künstlers: Empty7 exploriert über die Grenzen des Raps hinaus seine künstlerische Identität in unterschiedlichste Richtungen. Odysseus’ Reise in der antiken mediterranen Welt war eine der Kontakte mit verschiedenen Völkern, Kulturen, Identitäten. Von solchen Kontakten zeugt ebenso Empty7s Ithaque mit seinen verschiedenen musikalischen Einflüssen, die er mal mehr, mal weniger zu einem kohärenten Gesamtbild formt: Während Songs wie „Nostos“ und „Les rats“ die mediterrane Atmosphäre musikalisch gekonnt einfangen und Empty7 den umherirrenden Helden berührend charakterisiert, irritiert die mantraartige Befürchtung „J’ai peur de finir tout seul“ auf dem Song „Seul“ mehr als psychologische Tiefe zu veranschaulichen.

‚Nostos‘: Die unmögliche Heimkehr

Ithaque beginnt mit dem Titel „Nostos“, der auf ein Konzept aus der griechischen Literatur referiert: ‚Nostos‘ beschreibt die maritime Heimkehr nach einer langen Heldenreise.[4] Empty7s Reiseerzählung beginnt also mit der eigenen Rückkehr, atmosphärisch untermalt von Meergeräuschen, Möwengeschrei und dem Gesang der Sirenen. Thematisch fällt der Begriff des Kriegs auf: „Faut apprendre la guerre pour l’éviter“ und „ça fait des années, j’ai pas fait la guerre“. Assoziationen mit Odysseus, der durch eine List die Mobilisierung für den Trojanischen Krieg vermeiden wollte und am Ende vom Kriege desillusioniert zurückkehrt, klingen an. Im Gedächtnis bleibt nach dem Hören von „Nostos“ aber vor allem die Nachricht des auf Sardinien lebenden Großvaters des Künstlers mit italienischen Wurzeln, der seinem Enkelsohn nach einer Familienfeier einen Gruß hinterlässt: „Manchi solo tu, amore mio. Ti auguro cose belle, ciao, ciao!“ Dies eröffnet einen eindrücklichen Kontrast: Der Sehnsuchtsort Sardinien als konkretes Ithaka gegen die symbolisch-musikalische Heimatsuche des Künstlers. Dadurch wird ‚Nostos‘, die Heimkehr, von Beginn an unterminiert.

Dementsprechend handeln die weiteren Songs nicht von Heimkehr, sondern von Aufbruch, Zerrissenheit und Verlust. Empty7 verdeutlicht damit, dass seine Odyssee keine endgültige Ankunft kennt. In „La caisse à côté“ formuliert er noch hoffnungsvoll den Wunsch: „J’espère elle sera belle l’épopée“, um im darauffolgenden Titel „Dans le flou“ zu bedauern, dass sich die eigene innere Zerrissenheit als belastende Verschlossenheit gegenüber seinen Freunden und Verwandten ausdrückt: „Je parle de ma peine à personne, personne m’appelle“ Dass es ihm schwerfällt, über seine eigenen Probleme zu sprechen, aber die seiner Liebsten zu seinen macht, betont er mehrfach auf dem Album: „Ça fait 15 ans que je souris, je fais l’acteur“ („Les rats“).

Verlust von Freunden und Familie ist das vielleicht am überzeugendsten dargestellte Thema auf Ithaque. Es schwebt stets im Hintergrund mit, bricht immer wieder kurz hervor und erscheint somit als eines der prägendsten Elemente der Figur Empty7: „À qui je m’adresse ? La plupart sont dead“ („La vallée“). Wird Verlust in seinen unterschiedlichen Formen dargestellt, greifen Musik und Text nahezu symbiotisch ineinander, besonders auf den zwei überzeugendsten Songs „La vallée“ und „Les rats“. Unterstrichen wird dieses Ineinandergreifen im Videoclip von „La vallée“, in dem ein zerbrechlicher Empty7 Trost in den Armen seines Großvaters sucht. Im Video trägt er wechselweise schwarze und weiße Kleidung: Schwarz könnte für die Trauer um die Verstorbenen, weiß für die Hoffnung auf eine Heilung stehen. Gleichzeitig rahmt die verschiedenfarbige Kleidung prägnant die Zerrissenheit des Empty7-Odysseus ein.

Verlust, Zerrissenheit und Geister der Vergangenheit

Diese Zerrissenheit wird wiederholt besonders eindrücklich auf besagten Liedern „La vallée“ und „Les rats“ dargestellt. Letztgenannter Song wirkt wie eine Art nostalgisches Zwischenfazit der musikalischen Reise. Empty7 lässt darauf seine Karriere Revue passieren, bündelt die inhaltlichen Themen seines Albums. Wo einige Songs durch teilweise fehlende Tiefe auf der Textebene enttäuschen können, überzeugt „Les rats“ mit einer, die minimalistische Klaviermelodie untermalende, maritimen Soundatmosphäre und durch die Metapher der Ratten als bleibende Geister der Vergangenheit, die Empty7 an seine Einsamkeit, Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit erinnern. So schließt er den Song mit dem Fazit, dass diese Geister ihn, den maskierten Namenlosen, auch nach der Heimkehr nicht verlassen: „Je rentre dans ma ville, je check’ les rats.“

 „L’île mirage“, der letzte Song auf dem Album, bestätigt dann: Die wirkliche Rückkehr existiert nicht, vielmehr war die Suche nach Ithakanur eine Illusion, die Odyssee eine unendliche Reise. Der von Desillusion zeugende Liedtext („J’avais peint un beau tableau et je l’ai fait tomber dans le noir“) kontrastiert hier mit einer helleren Melodie, die die Botschaft zu vermitteln scheint: Anstatt sie als erfolglose Heimatsuche zu interpretieren, sollte Empty7s Odyssee wie ein stetiger Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern gelesen werden. Ithaque zeugt von einer Kreativität, die zwar nicht die Kraft besitzt, Ängste und identitäre Fragen zu beantworten, aber in ihrer Vielfältigkeit Hoffnung spendet.

Mit Ithaque legt Empty7 eine Neu-Interpretation der Homerischen Odyssee vor, geprägt von der Suche nach sich selbst, Brüchen in der Biographie und der Sehnsucht, endlich anzukommen. Doch die im Albumtitel aufgerufene Inselist nicht als physischer, sondern vielmehr als symbolischer Sehnsuchtsort zu verstehen, den der Rapper in seiner Musik zu finden scheint. Auch dadurch avanciert er zu einem Alter Ego des Odysseus, der zwischen Zweifeln, Ambitionen und Träumen zu sich selbst findet. Dass diese Suche allerdings nicht final abgeschlossen ist, zeigen unfertig-suchende Produktionen wie „Topaze“. Dabei ist es gerade diese musikalisch-ästhetische Suche, die Ithaque als gelungene Reinterpretation der Odyssee erscheinen lässt.

Diskographie und Bibliographie

Empty7, Ithaque, November 2025, 32 Minuten, EUX

Empty7 (2025), „La vallée“, https://youtu.be/LW4aKRyPkJM?si=BB2CkdtlcJ-MtVDJ (02:26)

Alexopoulou, Marigo (2009): The Theme of Returning Home in Ancient Greek Literature: The Nostos of the Epic Heroes, Lewiston (NY): Edwin Mellen Press.

Homer (2018): Ilias; Odyssee. Vollständige Ausg. 5. Aufl. München: dtv.

Njee, Imane Yogo (2025): „Empty7: ‚Ithaque, c’est une œuvre très personnelle“. In: Mosaïque Magazine, https://mosaiquemagazine.fr/blogs/articles/interview-empty7-ithaque-cest-une-oeuvre-tres-personnelle (zuletzt aufgerufen am 02.09.2026).


[1] Njee (2025): „Empty7: ‚Ithaque, c’est une œuvre très personnelle‘“, Mosaïque Magazine,https://mosaiquemagazine.fr/blogs/articles/interview-empty7-ithaque-cest-une-oeuvre-tres-personnelle (zuletzt aufgerufen am 02.09.2026).

[2] Homer 9, 366.

[3] Vgl. Njee (2025): „Empty7: ‚Ithaque, c’est une œuvre très personnelle‘“, Mosaïque Magazine,https://mosaiquemagazine.fr/blogs/articles/interview-empty7-ithaque-cest-une-oeuvre-tres-personnelle (zuletzt aufgerufen am 02.09.2026).

[4] Vgl. Alexopoulou (2009), S. 2-5.

Titelbild:© dimitrisvetsikas1969 | pixabay


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Autor:in (13. September 2026). Eine Odyssee ohne Ende: Empty7s ITHAQUE (2025). Literaturästhetik und Theaterkultur. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16rsn


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